Der Wohlstand wächst, doch Indiens Straßen und Flüsse sind immerzu mit Abfällen verstopft. Ohne Millionen von Lumpensammlern auf der Suche nach Wiederverwertbarem würden die indischen Städte im Müll ertrinken. Doch die Öffentlichkeit behandelt sie immer noch wie Ausgestoßene, kritisiert Filmemacher Parasher Baruah.
![]() | Filmemacher Parasher Baruah„Durch andere Verpackungen und Lebensgewohnheiten hat die Abfallmenge in den vergangenen zehn Jahren definitiv zugenommen.“ (Foto: Parasher Baruah) |
Sie haben eine Doku über Lumpensammler gedreht, Leute die von dem leben, was andere wegwerfen. Warum dieses Thema?
In Mumbai gibt es mehr als 300.000 Lumpensammler, 120.000 davon sind Kinder unter 14 Jahren. Sie kommen aus verschiedenen Teilen des Landes, weil die Landwirtschaft sie nicht versorgen konnte. Wenn sie kein anderes Hilfssystem haben, dann enden sie unausweichlich bei dieser Arbeit.
Aber in Indien sind die Leute, die sich um unseren Müll kümmern, unsichtbar: Wir kennen sie nicht und wir erkennen auch ihre Rolle in unserer Gesellschaft nicht an. Die Nichtregierungsorganisation Acorn India, die mein Projekt unterstützt hat, will das verändern. Und die Arbeit dieser Leute sollte als CO2-Asset angesehen werden. Sie verbessern unsere Öko-Bilanz.
Sie haben drei Kinder mehrere Monate lang begleitet. Wie leben sie?
Es ist schwer, einen Film über Lumpensammler zu drehen. Sie haben einfach keine Zeit. In jeder Stunde, in der sie nicht arbeiten, verlieren sie Geld. Manche Kinder beginnen morgens um fünf und arbeiten bis acht oder neun am Abend.
Sie gehen in verschiedene Viertel der Stadt, sammeln Müll, kommen zurück und verkaufen ihn an die Altwarenhändler, und dann gehen sie wieder los. Die Kinder arbeiteten fast immer, wenn ich sie sah. Im Durchschnitt verdienen sie zwei Euro am Tag.
Sie suchen nach verschiedenen Sorten von Kunststoffen, unterschiedlichen Metallen, Glas, nach allem, was gegen Geld an einen Wiederverwerter verkauft werden kann. Dieser Wiederverwerter stellt daraus dann Plastikgranulat her oder Stoffe, die als Rohmaterial in der Industrie verwendet werden.
Welchen Gefahren sind die Lumpensammler ausgesetzt?
Sie sind medizinischen Abfällen und allen möglichen Arten von schädlichen Gasen ausgesetzt. Und sie verbrennen eine Menge Elektronikmüll, Computer und Platinen, nur um Kupfer zu gewinnen, weil Kupfer mehr einbringt als Plastik. Das verursacht schädliche Dämpfe, denen sie ebenfalls ausgesetzt sind.
Die drei Jungen, die wir begleiteten, wissen absolut nichts über Schutzmaßnahmen. Sie gehen barfuß und arbeiten ohne Handschuhe. Sogar wenn sie krank würden, würden sie nicht verstehen, dass das an ihrer Arbeit liegt.
Einige der älteren Lumpensammler leiden an Atemwegserkrankungen und Tuberkulose ist sehr weit verbreitet. Viele bekommen Parkinson und Alzheimer.
Warum gibt es so wenig Schutzmaßnahmen?
Dharavi, eines der größten Slums in Mumbai, ist eine riesige Recycling-Industrie, aber das geschieht alles völlig ungeregelt. Es gibt keine Gewerbescheine, aber armselige Arbeitsbedingungen.
Rund 50 Prozent der Gewerbe in Dharavi werden ohne irgendeine Art von gesetzlicher Bewilligung betrieben und doch recyceln die Lumpensammler und Altwarenhändler dort fast 80 Prozent von Bombays Abfall.
Es gibt hier also einen Widerspruch: Sie arbeiten illegal, aber sie tun dennoch viel für unsere Gesellschaft. Doch wann immer sie versuchen, sich Geltung zu verschaffen und bestimmte Rechte fordern, bekommen sie von den Verantwortlichen zu hören, dass sie keine haben.
Szenen aus Baruahs Dokumentarfilm "Waste - Abfall" (Video in englischer Sprache)
Was ist mit der offiziellen Abfallwirtschaft, könnte sie das Problem bewältigen?
Leider haben wir in den Großstädten Indiens keine gute Müllbeseitigungspolitik. Der ganze Abfall landet auf Deponien, aber niemand hat eine Ahnung von Recycling, niemand versucht Plastik von biologisch abbaubaren Stoffen zu trennen.
Alles, was die Gemeinden tun, ist den Müll auszuschütten und wenn die Deponien nicht mehr aufnahmefähig sind, schließen sie sie einfach und machen Grundstücke und Ländereien daraus. Aber das Land ist immer noch verseucht.
Ist das schon lange so?
Lumpensammler gibt es schon lange, in Dharavi mindestens seit 60 Jahren. Eigentlich leben die Leute in Dharavi auf Müll. Mumbai bestand aus sieben verschiedenen Inseln und einer Menge Marschland und Meer dazwischen; Land, das später durch Müllhalden „wiedergewonnen“ wurde.
35 Jahre lang haben die Leute in Dharavi das Land aufgeschüttet und jetzt ist es eine attraktive Immobilie geworden. Die Menschen, die das Land geschaffen haben, müssen vielleicht wegziehen.
Hat sich die Situation durch Indiens Aufstieg zur Wirtschaftsmacht verschlimmert?
Durch andere Verpackungen und Lebensgewohnheiten hat der Müll in den letzten zehn Jahren definitiv zugenommen. Vor zehn Jahren gab es nicht so viele Plastikverpackungen. Also haben sich die Natur und die Müllmenge verändert.
Während ich den Film drehte, habe ich aufgezeichnet, wie viel Müll ich täglich produziere. Ich war geschockt. Obwohl ich versuchte, es zu vermeiden, produzierte ich immer noch so viel Plastikmüll.
Glauben Sie, Ihr Film kann etwas verändern?
Wir zeigen Schulkindern den Film. Wir glauben, nur durch die Schulkinder können wir jeden Haushalt im Mumbai erreichen. Es geht um einfache Dinge, wie trockenen und feuchten Müll zu trennen, das wird noch nicht praktiziert. Später wollen wir den Film in allen großen indischen Städten zeigen, um ein Bewusstsein zu wecken.
Autor: Thilo Kunzemann
Veröffentlicht am: 15. November 2009